Wien ist anders - Exkursion GSK 7b

Wien ist anders: ein Stadtspaziergang der 7B in GSK

 
 
7B hat den Durchblick...
hier: auf Meister Pilgram
Wussten Sie, wo in Wien das 1.Krankenhaus stand? Oder warum Kaiser Joseph keinen schö­neren Sarg wollte – in der Kapuzinergruft? Oder überhaupt – warum das Krapf’nwaldl so heißt? Das und vieles andere mehr erfuhr und erwanderte die wissbegierige 7B unseres Gymnasiums auf einem historischen Stadtrundgang mit Prof.Streicher. Vorbereitet durch ein Sample von Suchbildern von der eigenen Homepage, begann das entschlossene Häuflein junger Historiker bei ziemlich unleidlichem Wetter seinen Streifzug durch die Geschichte der Landeshauptstadt, ausgehend vom Rundblick vor der Ruprechtskirche. Dass Wien oft wild umstritten war, wird an dieser Stelle besonders bewusst, vom Blick in die Taborstraße, die im 15.Jhdt. Haupt-Einfallslinie der aufständischen Hussiten vom Berge Tabor in Böhmen war und die bekannte Viertel-Einteilung Ostösterreichs zur Organisation der Landwehren zur Folge hatte, bis hin zu den im post-industriellen Stil gehal­tenen Büropalästen des Donaukanalufers – wo die Artillerieschlacht zwischen Wehrmacht und Roter Armee im April 1945 kaum einen Stein auf dem anderen gelassen hatte. Weiter übers Bermuda-Dreieck in die älteste Vergangenheit der Stadt und zu wahren archäologischen Leckerbissen: Die Reste des ältesten Krankenhauses sind mittlerweile im Untergeschoß der letzten Häuser in der Salztorgasse frei sichtbar – es ist das immer wieder überbaute bzw. archi­tektonisch genützte Fundament des valetudinariums, der Krankenstation des römischen Legionslagers aus dem 2.Jhdt.n.Chr. Davor erinnert die Hinterfront des 1. Wr.Rathauses an Kaiser Maximilians Neigungen für das zu seiner Zeit wirtschaftlich bedeutende Bürgertum; sein Enkel Erzherzog Ferdinand I. war da weniger einfühlsam, seinem „Wr. Neustädter Blut­gericht“ von 1522 fiel auch der Wiener Bürgermeister zum Opfer – nun wissen wir auch, nach wem die Siebenbürger-Straße im 22.Bezirk heißt. Wien ist voll von seiner, aber auch europäi­scher, ja Welt-Geschichte. Sie im Schüleralltag bewusst zu machen und die Schüler für die relevanten Aspekte unserer internationalen Vergangenheit zu sensibilisieren, ist eine Sache ständigen Einsatzes im Kleinen; insbesondere wo die Mittel unserer Wissenschaft knapp be­messen sind. Die römische Grablege unter einem nunmehr aufgelassenen Bank-Institut in der Renngasse –gleich hinter dem Lagergraben, für das historisch geschulte Auge leicht im Tiefen Graben wiederzuerkennen- ist z.Z. wieder unzugänglich, das Lokal darüber ist geschlossen, und die Mittel der öffentlichen Hand für die allgemeine Öffnung eben zu knapp.
Schottenkloster, Am Hof, Graben: Spurensuche einer Weltstadt, von der Zivilisation der An­tike über den Verfall der Völkerwanderungszeit bis zum zähen Wiederausbau des Mittelalters. Vom Fischerdorf bis zur drittgrößten Stadt des Kontinents in vier Jahrhunderten – das ist die Richtung unseres weiteren Wegs. Peterskirche, Stephansdom: beeindruckende Zeugen der Bemühungen zunächst der Babenberger, dann der Habsurger um europäische Geltung. Im 12.Jhdt. noch außerhalb der Stadt gelegen, kann uns der Stephansdom viel über Geschichte, aber auch so­ziales und mentales Umfeld unserer Vorfahren erzäh­len: Warum die Nordwestfassade aus mit Wein herge­stelltem Mörtel gefertigt ist (weil Kaiser Friedrich nämlich den ungenießbaren Jahrgang gleich für sakrale Zwecke umwidmete) war ebenso Thema wie die zahl­reichen Sagen, die Auskunft über die geistige Dis­position der Zeitgenossen geben, vom Stock im Eisen über Meister Puchsbaum bis hin zum Krapf’nwaldl. Kennen Sie das? Seltenes Beispiel für die Durchset­zung des gewitzigten Handwerksburschen gegenüber dem bösen Teufel, dem er als Beweis für seine „Macht“ die Verwandlung in eine Fliege ab­trotzte – die fing er dann mit seiner Hand, und als Bedingung für seine Freilassung erbat sich der Bursch vom Teufel täglich frische Krapfen zum Frühstück – und seitdem heißt der Schauplatz im heutigen 19.Bezirk eben so.
Anhaltspunkte für einen Überblick über den größeren Teil der neuzeitlichen Geschichte der Haupt- und Residenzstadt bietet die Kapuzinergruft (wo gerade Vorbereitungen für die erste Habsburger-Beisetzung seit 1989 erfolgten). Und typischerweise historisches „Prunkstück“ der schlichteste Sarg von allen (der in Größe und Ausführung selbst dem von Maria Theresias Kinderzofe nachsteht): Joseph II. ruht ebenso schlicht, wie es der Eiferer der Aufklärung auch seinen Untertanen zumuten wollte, die allerdings gegen die Verwendung der berüchtigten Mehrfach-Klappsärge bald rebellierten; gerade Mozart war ein „Opfer“ dieser Einführung Josephs, was die Identifikation seines Leichnams bis heute nicht sicher zulässt. Der Kaiser aber hatte die besten Absichten, nur für die Köpfe der Menschen in unserem Land einfach zu früh – und um einiges zu radikal. Von seinem wenig bedeutenden Großonkel Joseph I. (1705-1711) weiß man üblicherweise noch weniger Bedeutsames – „nur“ sozialgeschichtlich: Unter seiner Regierung wurde das erste flächendeckende Kanalisationssystem in Wien seit 1300 Jahren (dem Ende der Römerzeit) erstellt. Und bis dahin hat man in unserer Hauptstadt…na ja. Ein Rundgang durch die Hofburg über Georgskapelle und Schweizertor bis hin zum heißest umkämpften Mauerabschnitt während der Türken­belagerung 1683 beendete unseren Rundgang durch die Geschichte von Zivilisationen, Mei­nungen und Ideologien über dem Boden unserer 2000-jährigen Stadt. Wäre die bereits fertig installierte Mine unter dem Mauerabschnitt zwischen Burgtor und Löbltor am 12.9.1683 noch gezündet worden, wäre vielleicht vieles anders gekommen. Wenn – dieses Wort hat durchaus seinen Platz in der Geschichte, nicht alles kommt unvermeidlich, und dass wir unsere histori­sche Verantwortung als Kreuzungspunkt von Völkern und Zivilisationen auch im Zeitalter von EU, Schengen und Konsumgesellschaft mit der nötigen Offenheit wahrnehmen, ist zum guten Teil Frage des historischen Bewusstseins und eines unserer zentralen Lernziele.