Marianistische Erziehung als Anspruch an alle Beteiligten

Artikel im Jahresbericht 2001 (von Alfred Egger)

Im Herbst des Jahres 2000 wurde Wilhelm Josef Chaminade, der Gründer der Marianisten, seliggesprochen. Er hat dieser Ordensgemeinschaft eine tiefe Spiritualität hinterlassen, die er aus der Glaubenshaltung Marias entwickelte. (Glaube des Herzens, der die Menschen formt und trägt.)

Von Anfang an war es eine der Aufgaben der Marianisten sich um Ausbildung und Obsorge von Kindern und Jugendlichen zu kümmern. Da diese „Pädagogik und Glaubensbildung des Herzens“ sehr erfolgreich war, wurde W.J. Chaminade und „seinen“ Marianisten im Frankreich nach der Französischen Revolution angeboten, eigene Schulen zu betreiben und sich um die Lehrerausbildung zu kümmern. So kommt es, dass wir auf eine Fülle von überlieferten Aussagen zum Thema „Christliche, Marianistische Pädagogik“ zurückgreifen konnten, als wir im Laufe dieses Schuljahres einen Folder erarbeiteten, der unsere Schule und deren Leitlinien vorstellen sollte.

Sein Grundsatz : „Auf das Innere kommt es an!“, erschien uns als einer der bemerkenswerten.

Das „Innere“ (Glauben, Überzeugung, Gefühl, Fähigkeit, Herzlichkeit usw.) jedes Einzelnen ist das, was aus dem Menschen heraustritt, seine Umgebung und ihn selbst formt und an den anderen Menschen herantritt und ihn beeinflusst. Diese Aussage besitzt für uns Mitarbeiter einer marianistischen Institution mehrere Dimensionen. Einerseits ist es die Aufforderung an uns selbst zu arbeiten, unser „Inneres“ zu ordnen und zu vertiefen, unsere Herzensbildung nicht zu vernachlässigen. Das ist ein Anspruch, der uns nie aus der Pflicht entlässt, der täglich unser Gewissen wachrütteln sollte, der auch gilt, wenn wir glauben „nicht im Dienst“ zu sein.

Wenn wir bereit sind, diesen Schritt zu gehen, dann dürfen wir vor die Kinder hintreten, deren „Inneres“ uns anvertraut wird. Andererseits legt uns dieser Satz die Herzensbildung, die Glaubenserziehung und die Ausgeglichenheit unserer Schüler ans Herz. Diese Art von Bildung ist eigentlich nur dann durchführbar, wenn es uns gelingt alltägliche, normale Schüler – Lehrer Kontakte zu besonderen einzigartigen Beziehungen wachsen zu lassen. ( Ich meine damit eine Schulatmosphäre, in der sich jeder angenommen fühlt, in der es keine Hemmungen gibt Sorgen und Nöte auszusprechen. Für Schüler wie für Lehrer.) Das Bemühen um innere Ausgeglichenheit sowohl für uns selbst wie auch für unsere Schüler (eine Ausgeglichenheit, die in Gott begründet ist) ist sicherlich eine der Grundlagen jeder christlichen Erziehung.

Unser gutes Beispiel, unsere Einstellung zu Werten des Lebens (Bildung, Glauben, Menschlichkeit usw.) sollte Leuchtfeuer sein. Wir dürfen unser Inneres nicht verschließen. Erst dann, wenn die uns anvertrauten Kinder fühlen, dass wir uns nicht bedeckt halten, dass wir uns ehrlich (nicht nur berufsbedingt) um sie annehmen, werden sie uns akzeptieren. Ihr Inneres wird sich von uns berühren und bilden lassen.

Eine solche Atmosphäre bietet die beste Voraussetzung, dass sich unsere Schüler gerne von uns belehren lassen, dass die Kinder den Lernstoff, der naturgemäß in jeder Schule eine zentrale Position einnimmt, gerne annehmen. Ich wage an dieser Stelle zu behaupten, dass alles, was unter Druck und Zwang an Kinder herangetragen wird, kontraproduktiv wirkt.

Ich habe selbst oft genug erlebt, wie sich dieser Zwang, den ich bedenkenlos (weil schneller zum Ziel führend) ausübte, gegen mich selbst richtete und Schüler wie Lehrer in einem Gefängnis des Drucks und der Unfreiheiten gefangen waren, aus dem es fast keinen Ausweg gab.

Alles, was unter solchen Umständen gelernt werden muss, wird auch umso schneller wieder aus dem Gedächtnis gestrichen und führt dazu, dass der Mensch davon „die Nase voll“ hat. Gerade Kinder neigen sehr schnell dazu von der Methode des Lehrenden (nicht nur von ihrer Sympathie) ihre Einstellung zum Stoffgebiet abhängig zu machen. Dabei können von nicht verantwortungsvoll handelnden Lehrern und Erziehern (wie auch von Eltern) gerade in der Volksschulzeit negative Abwehrhaltungen in den jungen Menschen verfestigt werden, die die heranwachsenden Menschen ihr ganzes Leben lang schädigen können.

Um solche Fehler zu vermeiden müssen Lehrpersonen natürlich auch bereit sein ihr Inneres von ihren Schülern berühren und erziehen zu lassen. Es steht nirgends geschrieben, dass Erwachsene in Sachen Herzensbildung immer alles am besten wissen, nur weil sie länger Zeit hatten in ihren Verhärtungen und Vorurteilen zu verkrusten oder bequeme unmenschliche Handlungsmuster zu verfestigen.

Erziehung sollte eine neue Dynamik entwickeln, die auf reversible Offenheit baut. Diese gegenseitige Beeinflussung führt naturgemäß dazu, dass auch der Erzieher plötzlich von seinen Schülern erzogen wird.

Wozu soll das alles führen? Wie kann man all das in einen gescheiten Satz fassen?

„Wohlfühlen“ allein ist sicherlich zu wenig und nicht zielführend. Das Ziel einer jeden Erziehung ist die bewusste Handlungsfähigkeit.

Verblüffend einfach wirkt der Rat, den der Selige W.J.Chaminade seinen Ordensmitgliedern ins Ordensleben mitgab: „Tut alles, was Jesus euch sagt!“ Dieser Satz, den Maria bei der Hochzeit zu Kana zu den Dienern sagte, als beim Fest der Wein zu Ende ging, drückt das Ziel unserer christlichen Erziehung aus.

Durch die Rückbindung unserer Bemühung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen an Gott, Glaube und religiöse Praxis wird unser Wasser zu Wein, wird unsere Arbeit gesegnet . Es geht dabei aber nicht nur um mehr oder weniger gute und mitmenschliche Arbeit mit Schülern, sondern um christliches Engagement, zu dem sich jeder Mitarbeiter tatkräftig bekennen müsste!

Ziel einer jeden religiösen Erziehung sollte es sein die Schüler zu befähigen und zu motivieren, als verantwortlich denkende Erwachsene, ihre Umwelt aktiv auf dem Grund des christlichen Interpretationshorizontes zu gestalten.